Ⓒ Gustav Willeit | © Gustav Willeit

Zurück in die Zukunft

Vergeben, aber nicht vergessen: Ein Ersatzneubau von NAEMAS Architekten im Südtiroler Pflerschtal erzählt vom Umgang mit der Vergangenheit – der eigenen und der kollektiven. Eine Geschichte vom Gehen oder Bleiben, von Tradition und Fortschritt, von alter Last und neuer Kraft.

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Es war ein einschneidender, traumatischer Schicksalsschlag, der 2018 eine Familie ereilte: Ihr jahrhundertealter Bauernhof brannte bis auf die Grundmauern nieder. Zum Glück befand sich zum Zeitpunkt des Brandes niemand im Gebäude. Der Schock saß trotzdem tief. So tief, dass sich die Eigentümer zuerst nur einen Neubau an anderer Stelle vorstellen konnten. Bis sich in der engen, vertrauensvollen Zusammenarbeit mit NAEMAS Architekturkonzepte aus Bozen schließlich doch ein Platz in unmittelbarer Nähe als perfekter Standort für einen Neuanfang herauskristallisierte – um die Vergangenheit zu bewältigen und das ländliche Erbe modern aufleben zu lassen.

Ornamentik

Wir haben der Standort-Findung sehr große Beachtung geschenkt“, erzählen die Architekten Nadia Erschbaumer und Martin Seidner. Der Prozess könnte als Blaupause für die Herangehensweise des jungen Planer-Teams gelten: Entwickelt werden ganzheitliche Lösungen, die verschiedenste Facetten berücksichtigen – eben „Architekturkonzepte“. Beim Projekt in Pflersch war es der psychologische Ansatz, der sich als entscheidend erwies. Für den Bau nur wenige Meter über dem Unglücksort sprachen nicht nur Sonne, Ausrichtung, rechtliche Gegebenheiten und Topographie, sondern auch die Möglichkeit, die Geschichte versöhnlich weiterzuschreiben: Zwei verschobene, unterirdisch verbundene Baukörper im Hang nehmen identitätsstiftende Beziehungen auf und interpretieren den traditionellen bäuerlichen Stil neu. Die mit Lignovit Platin von ADLER in Onyxschwarz lasierte Lärchen-Fassade zieren eingefräste Ornamente, wie sie sich bereits am Originalbau fanden. „Von einer alten Fotografie des Erbhofs haben wir die Muster übernommen“, schildert Erschbaumer.

Stube 2.0

Das verschnörkelte Motiv findet sich auch im unteren Gebäude, das mit viel hellem Holz, Stein und Leinen klassisch alpin daherkommt. Der obere Komplex bildet hingegen mit Sichtbeton und kräftigen Farben das urbane Gegenstück zur bäuerlichen Stube. Zwei unterschiedliche Arten, mit dem Erlebten umzugehen – ein „Heilungsprozess“, der sich der Vergangenheit annimmt, und ein Zweiter, der gekonnt mit dieser bricht und daraus neue Kraft schöpft. Durch die hellen, mit einer ADLER Sonderbeschichtung in einem leicht bräunlichen Ton lasierten Lärchen-Fenster des Südtiroler Herstellers Tip Top richten sich nun die Blicke zu einem alten Apfelbaum, zur denkmalgeschützten Kapelle des Weilers, zu den immerwährenden Bergspitzen – in die Vergangenheit und in die Zukunft!

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