Nachhaltiger Naturschutz vor Ort: Der Naturpark Karwendel
Seit 2026 ist ADLER Partner des Naturparks Karwendel und unterstützt mehrere Projekte im Bereich Artenschutz, Klimaforschung und Umweltpädagogik. Geschäftsführer Anton Heufelder stellt im Gespräch den Naturpark Karwendel und seine Arbeitsschwerpunkte vor.
24.03.2026
Wie ist der Naturpark Karwendel organisiert?
Der Naturpark Karwendel umfasst beinahe das gesamte Karwendelgebirge und ist mit rund 739 km² das größte Schutzgebiet Tirols und der größte Naturpark Österreichs. Er erstreckt sich von Innsbruck bis zum Achensee und beinhaltet eine außergewöhnlich hohe Naturnähe mit Urwäldern, Wildflüssen, alpinen Rasen und traditionellen Almlandschaften. Organisatorisch wird der Naturpark von einem Trägerverein mit Gemeinden, Tourismusverbänden, Österreichischen Bundesforsten, Landwirtschaftskammer, den beiden Alpinen Vereinen und dem Land Tirol getragen. Die Arbeitsschwerpunkte sind in fünf Kernbereiche gegliedert: Naturschutz, Erholung & Tourismus, Umweltbildung, Regionalentwicklung sowie Wissen & Forschung.
Worin unterscheidet sich ein Naturpark von einem Nationalpark?
Ein Naturpark wie der Karwendel ist ein großflächiges Schutzgebiet, in dem Naturschutz und nachhaltige Nutzung zusammen gedacht werden. Es geht sowohl um den Erhalt der natürlichen und kulturellen Landschaft als auch um naturverträgliche Erholung, Bildung und regionale Wertschöpfung. Den Kern bilden Naturschutzgebiete, die vorrangig der Bewahrung der Natur vor schädlichen Einflüssen des Menschen dienen. Sie sind dort ausgewiesen, wo sich die Natur in weitgehend unberührtem Zustand zeigt oder wo seltene Arten und Lebensgemeinschaften von Tieren und Pflanzen in besonderer Vielfalt vorkommen. Umgeben – als eine Art Puffer – befinden sich Landschaftsschutz- und Ruhegebiete. Hier überwiegt die vom Menschen, durch Land- und Forstwirtschaft gepflegte Kulturlandschaft. Ein Nationalpark verfolgt noch konsequenter das Ziel „Natur Natur sein zu lassen“, große Teile sind dort frei von Nutzung, um natürliche Prozesse möglichst unbeeinflusst ablaufen zu lassen. Der Naturpark Karwendel kombiniert dagegen Schutz, Pflege traditioneller Alm- und Kulturlandschaften, Forschung und ein bewusst gesteuertes Besuchserlebnis, etwa über Hütten, Wege, Infoangebote und Besucherzentren.
Worin bestehen die Hauptaufgaben des Naturparks Karwendel?
Die Aufgaben des Naturparks lassen sich in vier Hauptfelder gliedern: Naturschutz, Erholung & Tourismus, Umweltbildung und Wissen & Forschung. Im Bereich Naturschutz stehen der Schutz von Wildflüssen wie Isar und Rißbach, der Erhalt alter Bergmischwälder, Moor- und Felslebensräume sowie der einzigartigen Kulturlandschaften rund um Großen und Kleinen Ahornboden im Mittelpunkt. Im Bereich Erholung & Tourismus sorgen wir mit unseren Naturparkhäusern für Besucherinformation und -lenkung und treten mit unseren Rangern sowohl vor Ort als auch in digitaler Form in Kontakt. So versuchen wir, intensives Naturerleben mit größtmöglicher Schonung der sensiblen Lebensräume zu verbinden. Der Bereich Umweltbildung umfasst geführte Exkursionen, Naturpark-Schulen, Bildungsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, thematische Lehrpfade sowie Programme, die Naturerlebnis mit Verständnis für ökologische Zusammenhänge verbinden. Im Bereich Wissen & Forschung arbeitet der Naturpark mit Universitäten und Fachinstitutionen zusammen, etwa zu den Themen Biodiversität, Waldentwicklung, Gewässerökologie oder Klimawandel, und betreibt Monitoring von Tier- und Pflanzenarten sowie von Besucherdaten.
Einen besonders hohen Stellenwert hat die Umweltbildung für Kinder und Jugendliche.
Umweltbildung ist ein zentrales Handlungsfeld, weil langfristiger Naturschutz nur gelingt, wenn Menschen verstehen, warum Landschaften, Artenvielfalt und natürliche Prozesse schützenswert sind. Durch frühzeitige Sensibilisierung – insbesondere über Schulprogramme, Exkursionen, Junior-Ranger-Aktivitäten und Naturparktage – entsteht eine emotionale Bindung zur Natur und dem Naturpark „vor der Haustür“, die sich später – so hoffen wir – in verantwortungsvollem Verhalten ausdrückt. Gerade im Karwendel mit seinen beliebten Ausflugs- und Freizeitgebieten hilft Umweltbildung, Nutzungskonflikte zu entschärfen: Wer weiß, warum Wildruhezonen wichtig sind, wieso Almen gepflegt werden müssen oder wie sensibel Wildflüsse auf Störung reagieren, verhält sich im Gelände rücksichtsvoller. Zudem stärkt Umweltbildung die Identifikation der Bevölkerung mit dem Naturpark und schafft Verständnis für Schutz- und Managementmaßnahmen.
Wie gelingt der Spagat zwischen touristischer bzw. landwirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz?
Im Naturpark Karwendel prallen unterschiedliche Interessen in unseren Tälern, auf den Almen, Wegen und Hotspots sehr konkret aufeinander. Genau hier setzen wir mit unserem Management an. Unser Ansatz ist es, Schutz, Nutzung und Erlebnis gemeinsam zu denken und die vielen Akteure – von Gemeinden über Bewirtschafter bis zu Tourismuspartnern und Freiwilligen – in einem gemeinsamen Naturpark-Konzept zu bündeln. Ein zentrales Instrument ist die Besucherlenkung: Unsere Ranger, digitale Angebote wie Outdoorplattformen sowie klassische Informationstafeln, Kampagnen und Programme zur Umweltbildung greifen ineinander, um Besucher/-innen schon bei der Tourenplanung und dann im Gelände zu einem naturverträglichen Verhalten zu bewegen. Gleichzeitig stärken wir die traditionelle Alm- und Forstwirtschaft bewusst, weil eine angepasste Bewirtschaftung die Kulturlandschaft erhält und wichtige Lebensräume offenhält. Über Projekte wie das „TEAM Karwendel“ binden wir Freiwillige in Almpflege und Biotoppflege ein und schaffen damit zusätzliche Unterstützung für Bewirtschafter/-innen und Ökosysteme. Monitoring-Projekte und digitale Besucherdaten helfen uns, Entwicklungen im Naturpark genau zu beobachten und unsere Maßnahmen laufend anzupassen. So wird der „Spagat“ zwischen Schutz, Nutzung und Erlebnis zu einem dauernden Steuerungsprozess, den wir als Naturpark aktiv gestalten.
Unterstützung z.B. bei der Almpflege kommt auch vom Freiwilligen-Projekt „TEAM Karwendel“.
Almen prägen das Landschaftsbild des Karwendels seit Jahrhunderten und sind zugleich wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Im Rahmen des „TEAM Karwendel“ unterstützen jedes Jahr 120 bis 130 Freiwillige die Almpflege, indem sie Verbuschung zurückdrängen, Steine und Grobgeröll entfernen, Zäune instand halten oder Mähwiesen freistellen. Werden Almen nicht mehr bewirtschaftet, verbuschen und verwalden sie nach und nach, artenreiche Wiesen gehen verloren, und auch das charakteristische, offene Landschaftsbild verändert sich deutlich. Die Almpflege trägt daher zum Erhalt der Biodiversität, der traditionellen Kulturlandschaft und der landwirtschaftlichen Nutzung bei und stärkt gleichzeitig das gegenseitige Verständnis zwischen Naturschutz und Bewirtschaftern.
Ähnliches gilt auch für die Forstwirtschaft. Welche Schwerpunkte setzen Sie in diesem Bereich?
In bestimmten Bereichen setzt der Naturpark auf Waldflächen, die nicht oder nur sehr extensiv bewirtschaftet werden und in denen natürliche Prozesse im Vordergrund stehen. In solchen Wäldern entstehen mit der Zeit strukturreiche, naturnahe Bestände mit unterschiedlichen Altersstufen, hohem Totholzanteil, Lichtungs- und Randbereichen und zahlreichen Kleinlebensräumen, die seltene und spezialisierte Arten – etwa bestimmte Käfer, Pilze oder höhlenbrütende Vogelarten – benötigen. Diese Wälder wirken als Referenzflächen, an denen natürliche Waldentwicklung, Klimawirkungen und Biodiversität erforscht werden können. Gleichzeitig erfüllen sie wichtige Funktionen wie Erosionsschutz, Wasserrückhalt und Lawinenprävention und erhöhen so die Resilienz der Gebirgslandschaft gegenüber Naturgefahren.
In verschiedenen Projekten und Kooperationen des Naturparks werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Region untersucht. Was steht dabei im Vordergrund?
Zu den massivsten Auswirkungen zählen steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsverteilungen, häufigere Extremereignisse wie Starkregen, Trockenphasen oder Stürme sowie Verschiebungen von Lebensräumen und Höhenstufen bzw. vielmehr Wärmezonen in höhere Lagen. Um die Region vorzubereiten, werden Anpassungsstrategien entwickelt, etwa durch standortangepasste Waldbewirtschaftung, Förderung widerstandsfähiger, strukturreicher Mischwälder und die Sicherung von Wanderkorridoren für Arten. Auch im Tourismussektor beschäftigt man sich mit den veränderten Bedingungen. Forschung, Monitoring und der Austausch mit Bewirtschaftern, Gemeinden und der Bevölkerung spielen dabei eine zentrale Rolle, um Risiken früh zu erkennen und geeignete Maßnahmen umzusetzen.
Was bedeutet der Klimawandel für die Wälder im Naturpark Karwendel?
Alpine Bergwälder sind im Klimawandel besonders gefordert, weil sie vielen Funktionen gleichzeitig dienen: Schutz vor Naturgefahren, Lebensraum, Holzlieferant und Erholungsraum. Konkrete Bedrohungen ergeben sich aus höheren Temperaturen, geänderten Schneemengen und -lagen, häufigeren Extremwetterereignissen, Trockenstress sowie einer möglichen Zunahme von Schädlingen und Krankheiten. Im Idealfall entwickeln sich die Bergwälder im Karwendel zu stabilen, strukturreichen Mischwäldern mit hoher Artenvielfalt und unterschiedlichen Altersstufen, die auf kleiner Fläche verschiedenste Baumarten und genetische Vielfalt vereinen. Solche naturnahen, gut durchmischten Wälder sind widerstandsfähiger gegenüber Störungen, können sich besser an veränderte Klimabedingungen anpassen und behalten gleichzeitig ihre Schutz- und Erholungsfunktion für Mensch und Natur.
Auch für die Artenvielfalt sind die Wälder wichtig. Welchen Stellenwert hat sie im Gesamtkonzept des Naturparks?
Der Naturpark Karwendel beherbergt eine außergewöhnlich hohe Vielfalt mit über 1.300 Pflanzenarten und mehr als 3.000 bekannten Tierarten, darunter europaweit bedeutende Arten wie Steinadler, Weißrückenspecht, Flussuferläufer und Alpenbockkäfer. Biodiversität ist die Grundlage stabiler Ökosysteme, sie ermöglicht Anpassung an Veränderungen wie den Klimawandel und sichert langfristig Leistungen wie sauberes Wasser, Schutz vor Naturgefahren, fruchtbare Böden und attraktive Erholungsräume. Projekte wie Artenschutzmaßnahmen, die Pflege und Vernetzung von Lebensräumen, das Schaffen von Trittsteinbiotopen oder die Förderung traditioneller Nutzungsformen im Alm- und Waldgebiet tragen dazu bei, gefährdete Arten zu erhalten und Wanderbewegungen von Tieren zu ermöglichen. Solche Maßnahmen verbinden praktischen Naturschutz mit Bildungs- und Forschungsaspekten und machen den Wert der biologischen Vielfalt für die Öffentlichkeit sichtbar.
Das Karwendel ist ein beliebtes Ziel für Ausflügler und Freizeitsportler. Was wünschen Sie sich von den Besuchern?
Als Naturpark wünschen wir uns vor allem ein rücksichtvolles, naturverträgliches Verhalten. Dazu gehören unsere Verhaltensregeln: auf markierten Wegen bleiben, Wildruhezonen und Sperrzeiten respektieren, Müll wieder mitnehmen, Hunde an die Leine nehmen, Lärm vermeiden und auf sensible Bereiche wie Uferzonen, Moorflächen und Jungwaldareale besondere Rücksicht nehmen. Wer im Karwendel unterwegs ist, kann auch aktiv zum Erhalt beitragen – etwa durch Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder kombinierter Bahn-Bus-Anreise, bewusste Tourenplanung außerhalb besonders sensibler Zeiten, z.B. während der Winterruhe des Wildes, sowie durch die Unterstützung regionaler Betriebe und Naturpark-Angebote. Solches Verhalten entlastet Natur und Infrastruktur und stärkt gleichzeitig die regionale Wertschöpfung und Akzeptanz für Naturschutzmaßnahmen.
Vielen Dank für das Gespräch!
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